Drama

Perfect Days – Heute ist heute und morgen ist morgen

Mit «Perfect Days» wagt sich Wim Wenders an den japanischen Filmstil und meistert ihn bravourös. Der Film erzählt die feine Geschichte eines ganz normalen Menschen in Tokio, der im Hier und Jetzt lebt. Erzählt wird sie langsam, leise und ohne grossen Pomp und gerade darin liegt ihre Kraft. Kein Wunder, wurde «Perfect Days» 2024 für den Oscar als bester internationaler Film nominiert und Hauptdarsteller Kōji Yakusho in Cannes als bester Schauspieler ausgezeichnet.

Um was geht es
Herr Hirayama (Kōji Yakusho) lebt in Tokio und putzt dort die öffentlichen Toiletten. Jeden Morgen weckt ihn das Geräusch einer Strassenwischerin, er faltet seinen Futon zusammen, giesst seine kleinen Baumsetzlinge, holt sich am Automaten einen Kaffee und fährt in seinem Lieferwagen zur Arbeit. Begleitet von Musikkassetten mit Lou Reed, Patti Smith oder Van Morrison. Der Filmtitel ist übrigens eine Verbeugung vor Lou Reeds Song «Perfect Day».

Hirayama lebt allein und macht seinen Job gewissenhaft und ohne grosse Dramen. Er putzt die Toiletten mit einer Sorgfalt, als wären sie kleine Heiligtümer, was sie in gewisser Weise auch sind: Die Schauplätze sind echte Toiletten des «Tokyo Toilet»-Projekts im Stadtteil Shibuya, entworfen von renommierten Architektinnen und Architekten. Am Mittag isst er sein Sandwich im Park und fotografiert mit einer analogen Kamera das Licht, das durch die Blätter der Bäume fällt. Die Japanerinnen und Japaner haben dafür ein eigenes Wort: Komorebi. Am Abend isst er in einem kleinen Lokal, liest noch ein Buch, bis der Tag zu Ende geht.

Seine Tage sehen immer gleich aus. Sein junger Arbeitskollege Takashi (Tokio Emoto) nimmt es mit der Pünktlichkeit nicht so genau, doch auch das bringt Herrn Hirayama nicht aus der Ruhe. Erst als unerwartet seine Nichte Niko (Arisa Nakano) vor der Tür steht, bekommt die Routine feine Risse und wir erahnen, dass hinter diesem einfachen Leben eine bewusste Entscheidung steckt. Herr Hirayama geniesst den Moment, das Heute, und lebt genau diesen. Es geht nicht um morgen, sondern um heute. Und genau das macht ihn so gelassen.

Rezension
Der Film lebt von den Bildern, der Ruhe, dem Alltag. Das feine Drama spielt zwischen den Zeilen. Herr Hirayama spricht so wenig, dass man zu Beginn fast das Gefühl hat, er sei stumm und gerade dadurch können sich die Zuschauenden voll auf das Visuelle einlassen. Der spärliche Dialog sorgt dafür, dass jedes gesprochene Wort umso mehr Gewicht bekommt. Die einzelnen Begegnungen sind kurz: ein verstecktes Zettelchen mit einem Tic-Tac-Toe-Spiel in einer Toilettenritze, ein geteiltes Sandwich, eine Umarmung. Und doch wirken sie tief nach.

Wim Wenders, der sich mit seiner Dokumentation über den japanischen Regisseur Yasujirō Ozu schon früh vor dem japanischen Kino verneigt hat, schafft es hier, eine schlichte Geschichte gross zu erzählen. Ursprünglich war «Perfect Days» sogar als Dokumentarfilm über die Tokioter Toilettenreinigung geplant zusammen mit Co-Autor Takuma Takasaki wurde daraus in kürzester Zeit ein Spielfilmdrehbuch. Diese dokumentarische Wurzel spürt man in jeder Einstellung: Nichts wirkt gestellt, alles wirkt beobachtet.

Gleichzeitig verkörpert Kōji Yakusho die Rolle von Herrn Hirayama, als würde er ihn wirklich leben. Jede Geste sitzt, jeder Blick erzählt eine kleine Geschichte. Besonders die letzte Einstellung des Films, ein minutenlanges Wechselspiel der Gefühle in Grossaufnahme, bleibt lange hängen. Dass Yakusho dafür in Cannes 2023 als bester Schauspieler ausgezeichnet wurde, ist mehr als verdient. Eine hervorragende Kombination aus Regie und Hauptdarsteller. Gerne würde man dieser Geschichte noch viel länger zuschauen.

«Perfect Days» ist kein Film für einen actionreichen Kinoabend. Es ist ein Film, der entschleunigt, der einen daran erinnert, wie viel Schönheit im Alltäglichen steckt. Im Licht zwischen den Blättern, in einem Lieblingssong auf Kassette, in einem einfachen «Danke». Wer sich auf dieses Tempo einlässt, wird reich belohnt.

Fazit
Ein leises Meisterwerk über die Kunst, im Moment zu leben. Grosse Empfehlung für alle, die Filme wie «Paterson» oder das Kino von Ozu mögen.

Meine Bewertung
4 Sterne

The Odyssey – Wenn die Heimkehr zur echten Odyssee wird

Der neuste Film von Christopher Nolan, «The Odyssey», erzählt die uralte griechische Geschichte rund um Odysseus und seine Irrfahrt zurück nach Hause. Ein Stoff, der eigentlich keine grosse Erklärung mehr braucht. Doch Nolans Erzählstil macht daraus ein Kino-Erlebnis, wie man es so noch nicht gesehen hat.

Um was geht es
Noch heute sagen wir bei einer besonders anstrengenden Arbeit, das sei «eine Odyssee gewesen». Ganz nach der Geschichte des gleichnamigen Kriegers. Der Film startet sofort mit der Erzählung und blendet immer wieder aus dem Blickwinkel von Odysseus (Matt Damon) zurück, der, wie es scheint, vieles vergessen hat. Ein gestrandeter General, der auf seiner Heimreise seine ganze Mannschaft verloren hat.

Und diese Heimreise hat es in sich. Nach zehn Jahren Krieg um Troja will Odysseus nur noch eines: zurück auf seine Insel Ithaka, zu seiner Frau Penelope (Anne Hathaway) und seinem Sohn Telemachos (Tom Holland). Doch die Götter haben andere Pläne. Während Odysseus sich von Insel zu Insel kämpft, mal beschützt von der Göttin Athene (Zendaya), mal festgehalten von der Nymphe Kalypso (Charlize Theron), wächst sein Sohn ohne Vater auf und macht sich selbst auf die Suche nach ihm. Zuhause auf Ithaka wird Penelope derweil von einer ganzen Schar dreister Freier bedrängt, die es auf ihre Hand und den leeren Thron abgesehen haben – allen voran der überhebliche Antinoos (Robert Pattinson). Wie viel davon in Odysseus‘ Erinnerung wirklich so passiert ist und wie viel Legende, das lässt Nolan lange offen – und genau das macht den Sog aus.

Rezension
Von Anfang an packt einen der Film. Es geht so schnell los, dass man direkt in der Geschichte drin ist. Es bleibt kaum Zeit, um zu überlegen, wer nun wer ist und was die da eigentlich tun. Und trotzdem verliert man nie den Faden. Die Schauspieler spielen ihre Rollen allesamt echt genial, von Damon in der Hauptrolle bis in die kleinsten Nebenfiguren, und das IMAX-Format sorgt dafür, dass man noch näher dran ist, mitten im Sturm, mitten in der Schlacht.

Ein kleiner Wermutstropfen ist die Unschärfe, die manchmal in den emotionalen Nahaufnahmen auftaucht. Sie holt einen für einen kurzen Moment aus dem Film heraus. Ein Nebeneffekt der grossen IMAX-Kameras, der bei einem so nah gefilmten Werk aber verzeihlich ist.

Die Debatte um die Besetzung

Im Vorfeld gab es viel Kritik, dass Nolan sich bei der Besetzung nicht sklavisch an die antike Vorlage gehalten hat und etwa Farbige Darstellerinnen und Darsteller oder Elliot Page in einer Kriegerrolle besetzt hat. Im Film selbst kommt das überhaupt nicht zum Tragen und spielt schlicht keine Rolle. Man sieht gute Schauspieler in guten Rollen, mehr muss man dazu nicht sagen.

Fazit

Alles in allem ein echt genialer Film und unbedingt sehenswert. Die Emotionen sind vor allem gegen Ende sehr hoch, und wenn der Abspann läuft, sitzt man erst einmal still da und lässt die Reise nachwirken. Wer nur die Gelegenheit hat, sollte «The Odyssey» im IMAX schauen. So gross wie hier war die alte Geschichte selten.

Meine Bewertung
5 Sterne

Ford v Ferrari – Das Rennen der Maschinen

Im Film «Ford v Ferrari» geht es eigentlich nicht gross um die Rivalität zwischen Ford und Ferrari, sondern viel mehr kundige Menschen die mit grosser Leidenschaft Rennen fahren und Rennwagen bauen. Die Geschichte ist sehr spannend umgesetzt. Auch nicht Renn-Begeisterte dürften den Film gut finden.

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Jojo Rabbit – Der junge und sein imaginärer Freund Adolf

«Jojo Rabbit» von Taika Waititi (Thor: Ragnarok, Hunt for the Wilderpeople) geht in seinem neusten Film in eine etwas andere Richtung als das Popcorn Kino. Er hat eine Geschichte aus dem zweiten Weltkrieg mit einer tragischen Leichtigkeit verfilmt. Die Dramatik kommt zum Ausdruck und doch geht er das Thema ganz anders an. Der Film und die Geschichte wurde bis ins kleinste Detail gut geplant und umgesetzt.

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The Platform – Gesellschaftskritischer Film über unsere (Konsum)-Verhalten

Der Film «The Platform» dreht sich um den Konsum in unserer Gesellschaft. Dies tut er sehr kritisch was die Verteilung der Lebensmittel anbelangt. Wenn alle vorhandenen Lebensmittel gleichmässig verteilt werden würden, dann hätten alle etwas zu essen. Ein polarisierender Film.

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The Spy – Ein Leben für das eigene Land

Die Mini-Serie «The Spy» stützt sich auf wahre Begebenheiten. In den 60er Jahre gelang es Israel sehr erfolgreich, einen Spion in Syrien zu etablieren. Die packende und spannende Serie zeigt das Leben von Eli Cohen.

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For all Mankind – Russland ist auf dem Mond

In der Serie «For all Mankind» dreht sich alles um den Wettstreit der ersten Mondlandung. In der fiktiven Serie von Ronald D. Moore, Ben Nedivi und Matt Wolpert wurden die Tatsachen vermischt mit einem „Was wäre wenn“-Szenario. Eine spannende These und exzellenter Ausgangspunkt für eine gute Serie.

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Swiss Army Men – Wie ein toter Mann Dich rettet

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Marriage story – Wenn die Beziehung zu Bruch geht

«Marriage Story» ist kein schöner Film was die Geschichte anbelangt. Es geht um ein Paar, dass sich trennt und sich wegen dem gemeinsamen Sohn arrangieren muss. Ehrlich und hervorragend umgesetzt von Scarlett Johansson und Adam Driver. Ein Film der bewegt.

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